Das bayerische Gymnasium

G8 oder G9? Die Frage ist falsch gestellt!

Mindestens 40 Prozent aller Schülerinnen und Schüler eines Jahrgangs treten nach der Grundschule ins Gymnasium über. Das Gymnasium ist die am häufigsten besuchte weiterführende Schulart. Deshalb muss es ein zukunftsorientiertes, dem 21. Jahrhundert angemessenes Lern- und Lehrsystem bieten.

Es ist falsch, die Dauer der gymnasialen Ausbildung zu diskutieren. Sie hat sich nicht nach einer starren Vorgabe, sondern nach dem einzelnen Kind zu richten. Dies postuliert der nicht nur für behinderte Kinder gültige Inklusionsgedanke. Nur eine sinnvolle inhaltliche und didaktische Ausgestaltung der gymnasialen Schulzeit kann deren Qualität garantieren.

Das Gymnasium muss sich inhaltlich und methodisch weiterentwickeln

Das G8 hat die Probleme des früheren G9 verschärft. Am Ende des Gymnasiums sind Schülerinnen und Schüler weder auf das Leben noch auf das Studium vorbereitet. Acht Jahre lang hat man ihnen bis ins Kleinste vorgeschrieben, was sie zu tun und zu lernen haben. Zum selbstbestimmten Lernen fehlte ihnen in der Schule die Möglichkeit und außerhalb meist die Zeit. Nach dem Abitur stehen viele ratlos vor der eigenen Zukunft. Über die Struktur der Gesellschaft und das Rechts- und Wirtschaftssystem wissen sie wenig. Demokratische Entscheidungsfindung haben sie in der Schule weder erfahren noch gelernt. Teamarbeit, Empathie, Musisches und Sport kommen im derzeitigen System permanenter Leistungsmessung zu kurz.

Nicht das Verstehen von Zusammenhängen ist das Ziel der Schüler, sondern eine möglichst gute Note. Der Noten- und Versetzungsdruck begünstigt bloßes Auswendiglernen, nach der Leistungsabfrage wird Gelerntes sofort vergessen. Für Erfahrung und Kreativität bleibt zu wenig Raum. Die moderne Gesellschaft braucht aber kreative Leistung, und zwar die beste Leistung jedes Einzelnen.

Der BEV fordert deshalb für das Gymnasium:

  • eine innere Flexibilisierung mit individuellem Lerntempo und individueller Verweildauer für jeden Schüler
  • modulare Lernangebote
  • vernetztes und eigenständiges Lernen
  • individuelle Förderung
  • Erfüllung individueller Bedürfnisse im Sinne der Inklusion
  • kein Sitzenbleiben mehr, statt dessen bei Bedarf Intensivierung einzelner Lerninhalte, bis das Niveau des mittleren Schulabschlusses erreicht ist
  • Lernen am Projekt
  • Einbeziehung der sozialen Kompetenzentwicklung
  • Berücksichtigung der Ergebnisse der Lernforschung: Frontalunterricht ausschließlich in kleinen, maximal 20-minütigen Einheiten
  • Lerneinheiten auch jenseits des 45-Minuten-Takts
  • Aufheben der Fächerzersplitterung
  • Kürzung der Fachinhalte, damit nachhaltiges und gründliches Lernen möglich wird
  • eine räumliche und personelle Ausstattung der Schulen sowie Unterrichtskonzepte, die neue Lernformen ermöglichen
  • barrierefreie Schulhäuser
  • flächendeckend gut ausgestattete rhythmisierte Ganztagsgymnasien als Angebot
  • individuelle und kompetenzbezogene Leistungsrückmeldung statt Ziffernnoten bis zum Ende der Mittelstufe
  • eine wertschätzende Feedbackkultur im Schulalltag mit Förderung der Selbsteinschätzung der Schüler
  • echte Mitbestimmung für Schülerinnen und Schüler über die innere Schulentwicklung, die Schulorganisation und den eigenen Lernprozess
  • Ausrichtung der gesamten Lehrerbildung und Lehrerfortbildung auf Teamarbeit und neue Lernformen
  • ein den Führungsaufgaben entsprechendes Ausbildungs- und Auswahlverfahren für Schulleitungen

Die Fixierung auf die gymnasiale Ausbildung führt oft zu enormem Druck auf Kinder und begünstigt damit Versagensängste und Misserfolge bereits in der Grundschule. Eine Schulart, die ohne Brüche und ohne den Umweg über mehrere Schularten alle Abschlüsse einschließlich Abitur anbietet, böte echte Chancengleichheit in der Bildung und ließe jedem Kind die Zeit zur Reife, die es braucht.